Angemessen auf Unglück in Bad Reichenhall reagieren

Angemessen auf Unglück in Bad Reichenhall reagieren

06.01.2006 - Berlin

Katastrophe von Bad Reichenhall: DAI – Verband Deutscher Architekten- und Ingenieurvereine für angemessene Reaktionen

Der pauschale Ruf nach mehr Kontrollen aufgrund des eingestürzten Dachtragwerks der Eislauf- und Schwimmhalle von Bad Reichenhall ist emotional verständlich, würde aber in der vorschnell geforderten Durchführung in erster Linie einer weiteren Bau-Bürokratisierung in Deutschland Vorschub leisten.Das schreckliche Unglück von Bad Reichenhall fordert eine genaue Untersuchung der Ursachen. Öffentlich genutzte Gebäude benötigen unzweifelhaft ein Höchstmaß an Sicherheit. Im zweiten Schritt, nach Kenntnis der genauen Ursachen, muss eine Überprüfung von evtl. ungeeigneten Planungsabläufen, Arbeitsmethoden, Kontrollmaßnahmen und ggf. Konstruktionsprinzipien erfolgen. Insbesondere sind Fragen nach geeigneten Baumaterialien zu erörtern.

Es erscheint durchaus sinnvoll, bei „anfälligeren“ Materialien, Bauarten und Konstruktionen zusätzliche Kontrollen vorzusehen. Insbesondere bei Gebäuden mit hohem geplanten Lebenszyklus müssen Kontrollintervalle individuell festgelegt werden. Fraglich ist zudem, ob in besonderen Feuchtebereichen wie Schwimmbädern, Großküchen o. ä. Holz- oder bei Chloridbelastungen Stahlkonstruktionen geeignet sind. Wenn kein uneingeschränktes Ja möglich ist, muss festgelegt werden, wie deren Schutz auszusehen hat. Im Zweifel allerdings ist ohne Wenn und Aber gleich eine sichere, von Kontrollen weitestgehend autonome Konstruktion zu wählen. Auf diese Weise kann der Bauherr die Kosten steuern. Bei permanenten Kontrollen über die Lebenszeit eines Gebäudes und möglicherweise Kontrollen der Kontrolle ist das nicht mehr möglich.

„Ein flächendeckendes Kontroll- und Prüfungssystem, das über Nacht aus dem Boden gestampft, per Gesetz und Verordnung umgesetzt sowie mit hohem Aufwand überwacht wird, wäre allerdings im Kontext des Geschehens ein Zeugnis der Hilflosigkeit, weil es das Gewissen beruhigt, aber die Ursache vermutlich nicht bekämpft,“ analysiert Dipl.-Ing. Gerd Schnitzspahn, Büroinhaber aus Bondorf bei Stuttgart und Vizepräsident des DAI.

In Deutschland ist durch eine Vielzahl von Prüfungsverfahren in der Planungs- und Bauphase bei Statik und Standsicherheit ein so hohes Maß an Sicherung gegeben, dass angesichts der zusätzlich vorgeschriebenen rechnerischen Sicherheiten für Material und Lasten diese nicht noch einmal erhöht werden müssen. „Die Bad Reichenhaller Dachkonstruktion ist ganz sicher nicht wegen der scheinbar schweren Dachlasten eingestürzt. In `gesundem Zustand´ hätte sie leicht noch mehr getragen. Vielmehr war sie durch andere Einflüsse und Mängel offenbar bereits stark vorgeschädigt,“ ergänzt Schnitzspahn.

In jedem Fall sollten trotz oder gerade wegen des Unglücks bei Beachtung größtmöglicher Sicherheit zusätzliche bürokratische Hürden für die Bauwirtschaft vermieden werden.