Landwirtschaftsministerin Bärbel Höhn: Energie aus nachwachsenden Rohstoffen verringert die Abhängigkeit vom Öl
Viele Dieselautofahrer werden es nicht wissen, aber auch wenn sie nicht ausdrücklich Biodiesel tanken, haben bereits viele herkömmliche Dieselkraftstoffe viel "Bio" in sich. Bis maximal fünf Prozent Biodiesel mischen einige große Mineralölkonzerne in ihren Raffinerien bei und nutzen damit zum einen die Energie aus der Rapspflanze und zum zweiten die steuerliche Befreiung von der Mineralölsteuer für biogene Kraftstoffe, die seit dem 1. Januar 2004 gilt. Für die Landwirte ergeben sich angesichts der weltweit festzustellenden Entwicklung ganz neue Tätigkeits- und Erwerbszweige in der Energiewirtschaft. So werden zum Beispiel circa 60 Prozent der deutschen Rekordernte des Jahres 2004 bei Raps in Höhe von 5,2 Millionen Tonnen in die Biodiesel-Herstellung laufen. Bei einer Produktion von 1,2 Millionen Tonnen Biodiesel im Jahr 2004 ergibt sich in Deutschland ein Anteil von 4,3 Prozent am Dieselverbrauch. Weltweit entstehen zur Zeit Anlagen, in denen aus Getreide, Zuckerrohr und Zuckerrüben Bioethanol gewonnen wird, das dem normalen Benzin beigemischt werden kann.
"In keinem anderen Produktionssektor wird es in diesem Jahr für die Landwirte mehr Wachstum, mehr Investitionen und mehr Einkommenschancen geben als in der Energieproduktion", erklärte Landwirtschaftsministerin Bärbel Höhn, derzeit auch Vorsitzende der AgrarministerInnenkonferenz, heute in Berlin auf ihrer Pressekonferenz anlässlich der Grünen Woche. "Weg vom Öl! muss die Devise der Zukunft sein und die Landwirte können dabei mit der Produktion von Energiepflanzen wie Raps und Zuckerrüben, der Nutzung von Biomasse, Biogas und Photovoltaik eine ganz zentrale Rolle spielen. Wer als Landwirt in der Zukunft dabei sein will, muss heute investieren. Die Landwirte sollten gerade in solchen Wachstumsphasen darauf achten, angemessen an der Wertschöpfungskette beteiligt zu sein und nicht wieder nur zu einem austauschbaren Rohstofflieferanten zu werden. Nach neuesten Schätzungen geht die Fachagentur für nachwachsende Rohstoffe davon aus, dass bis zum Jahr 2020 die Biotreibstoffe bis zu 25 Prozent des deutschen Treibstoff-verbrauches decken können. Dies entspricht einer jährlichen Produktion von etwa elf Millionen Tonnen Treibstoff und einer Anbaufläche von etwa 3,5 Millionen Hektar. Bleibt die Wertschöpfungskette bei uns, ergibt sich daraus ein Arbeitsplatzpotential von 175.000 Arbeitsplätzen vor allem in der Landwirtschaft."
In Deutschland wird 2005 erstmalig in großem Umfang Bioethanol in den Treibstoffmarkt fließen. Die erste von drei Bioethanolfabriken hat ihren Betrieb aufgenommen und die beiden weiteren werden in diesem Jahr folgen. Bioethanol wird zum Beispiel aus Weizen, Roggen oder Zuckerrüben gewonnen und kann unter anderem dem normalen Benzin beigemischt werden. Weltweit ist Bioethanol einer der am stärksten wachsenden landwirtschaftlichen Märkte:
* Frankreich setzt schon seit vielen Jahren auf Ethanol und verarbeitet hierzu große Mengen Zuckerrüben.
* Die USA sind weltweit nach Brasilien der zweitgrößte Verbraucher von Ethanoltreibstoff und produzieren derzeit jährlich mehr als zehn Millionen Kubikmeter Ethanol pro Jahr, vorwiegend aus Mais. 2002 waren 60 Ethanolfabriken in Betrieb und weitere 100 in Planung. Die USA beabsichtigen, den Treibstoffzusatz MTBE künftig durch ETBE aus der Ethanolproduktion zu ersetzen, was alleine in Kalifornien einen Ethanolbedarf von 16 Millionen Kubikmeter auslösen wird. Übrigens hat Präsident Bush Ende November 2004 auch ein neues Programm zur Förderung von Biodiesel unterzeichnet, mit dem dieser Markt in den USA vorangebracht werden soll.
* China hat im vergangenen Jahr in Jilin die weltgrößte Ethanolfabrik mit 380.000 Kubikmeter Jahresproduktion in Betrieb genommen und plant weitere vier baugleiche Anlagen. Dort gibt es regionale Beimischungszwänge von zehn Prozent Ethanol.
* Die kanadische Regierung hat im Dezember 2004 die weltweit erste Fahrzeugflotte auf Basis von Ethanol aus Weizenstroh in Dienst gestellt. In einem ersten Schritt werden dort sechs Ethanolfabriken mit einer Jahreskapazität von 650.000 Kubikmeter errichtet und 100 Millionen Dollar Fördergelder bereitgestellt.
* Traditionell ist Brasilien der weltgrößte Ethanolproduzent und -verbraucher und schreibt seit Jahren Mengenanteile von 20 bis 26 Prozent Ethanol im nationalen Markt vor. Die aktuelle Jahresproduktion liegt bei zwölf bis 14 Millionen Kubikmeter pro Jahr. Derzeit wird auch in Brasilien in den Bau von Biodiesel-Veresterungsanlagen in großem Stil investiert.