Neuen Technologien auf der Spur

Neuen Technologien auf der Spur
Wolfgang Gard organisiert den Technologietransfer im Tischlerhandwerk

Es gibt ultraviolett härtende Pulverlacke, die die Oberfläche von Metallteilen schützen. Die Bedingung hierfür ist, dass das Pulver auf dem Metall auf eine Temperatur von ca. 220 Grad erhitzt wird, damit es einen Film bilden kann. Das Pulver wird elektrisch geladen und auf das Metallteil gesprüht. Aufgrund der Anziehungskräfte im elektromagnetischen Feld bleibt das Pulver auf der Oberfläche haften. Nachdem das Pulver erhitzt worden ist schmilzt es sofort. Beide Stoffe reagieren miteinander und bilden einen schützenden Oberflächenfilm. Dieser Vorgang ist umweltfreundlich und wird von der Industrie für Metalllackierungen eingesetzt.Kann dieser Prozess auch auf Holz übertragen werden? Funktioniert die Pulverbeschichtung auch bei Holz? Wie hoch muss die Temperatur sein? Wie kann man Holz so vorbehandeln, dass eine Pulverbeschichtung anwendbar ist? Wie muss das Holz beschaffen sein? Wann gibt es Risse im Holz?
Fragen über Fragen. Im Technologie-Zentrum Holzwirtschaft (TZH), einem Tochterunternehmen des Fachverbandes Holz und Kunststoff NRW, werden Antworten gesucht und gefunden. Ein Spezialist auf diesem Gebiet ist dort in Lemgo Diplom-Holzwirt Wolfgang Gard. „Um solche Fragen zu beantworten, müssen im Labor entsprechende Untersuchungen vorgenommen werden. Man testet unterschiedliche Temperaturen, um die Gefahr der Verformung von Holz festzustellen, oder Formen der Vorbehandlung oder Bearbeitungsweisen“, beschreibt Gard seine Forschungsarbeit.
Seine Faszination für diese Arbeit erklärt er mit der Abwechslung der Themenfelder, eine klare eindeutige Antwort sei nicht immer leicht. „Holz variiert in seinen Eigenschaften sehr stark, weil jeder Baum anders wächst und daher ein Individuum ist. Das ist nicht nur interessant, sondern auch eine Herausforderung“, betont Wolfgang Gard. Das ist „viel Holz“ für die Holzforschung.
Das stellte Wolfgang Gard schon während seines Studiums an der Universität in Hamburg fest. Er blieb der Forschung treu und arbeitete in den letzten zwölf Jahren bei der TNO (Nederlandse Organisatie voor Toegepast-Natuurwetenschappelijk Onderzoek), einem Wissenschaftszentrum für angewandte Forschung im niederländischen Delft. Dort forschte er nach neuen Lacksystemen, beschäftigte sich mit der Schnitt- und Rundholztrocknung oder mit der Anatomie und Anwendung von weniger bekannten Holzarten. Der Diplom-Holzwirt legte Bewitterungsstrategien für Holzelemente fest, untersuchte die Dauerhaftigkeit des Holzes und entwickelte Messsensoren für die Holzfeuchte.
Mit diesem wissenschaftlichen Fundament stand Gard vielen Unternehmen beratend zur Seite, wenn sie Forschungsergebnisse in die Praxis umsetzen wollten. Daraus ergaben sich konstruktive Ideen und Kontakte zwischen der Forschung und den Betrieben, die Gard zu einem internationalen Netzwerk ausweitete.

Seitenwechsel
Der gelernte Tischler versteht sich als Mann der Praxis, der den Bezug zur Realität trotz jahrelanger Forschung immer behalten hat. Davon können jetzt die Tischlerbetriebe in Nordrhein-Westfalen profitieren. Seit dem 1. Mai dieses Jahres ist Wolfgang Gard am TZH für den Fachverband NRW tätig. „Ich habe die Seiten gewechselt. In Holland stand die Forschung im Vordergrund, deren Ergebnisse dann in die Betriebe hineingetragen wurden. Jetzt bekomme ich den Auftrag, einen Sachverhalt zu klären oder zu untersuchen, von den Betrieben“, erzählt Gard.
Dabei ist es produktiver für den einzelnen Betrieb, wenn er sich mit anderen zusammenschließt, um gemeinsam an einem Projekt zu arbeiten. Oft können dann Förderprogramme beansprucht werden, die von der Europäischen Union, dem Bund oder dem Land finanziert werden. In dieser Hinsicht wünscht sich Gard, dass noch mehr Tischlerbetriebe aktiv werden. Besonders weist er auf die Umsetzung der Europäischen Emissionsrichtlinien hin und stellt fest, dass „diese Richtlinien für Großbetriebe aufgestellt wurden, die kleineren Betriebe es in der Umsetzung aber schwer haben“.
„NRW ist ein Teil Europas und der wirtschaftliche Markt, auch für das Handwerk, verschmilzt immer mehr mit dem unserer unmittelbaren Nachbarn, den Niederlanden.“ Um am Puls der technischen und innovativen Entwicklung zu bleiben, sei ein grenzüberschreitendes Netzwerk und auch eine enge Zusammenarbeit mit den Forschungsinstituten notwendig. Zum Beispiel bestehe zu eine intensive Zusammenarbeit mit dem Institut für Bau- und Holzforschung der TNO in Delft.

Aufgabenfelder
Wolfgang Gard ist zuständig für den Technologie-Transfer im Tischlerhandwerk NRW. Seine Aufgabe ist es, neue Technologien in klein- und mittelständischen Betriebe zu übertragen. Dazu müssen Informationsdefizite abgebaut und herstellerneutrale branchenspezifische Beratungen und Demonstrationen durchgeführt werden. Tischlerbetrieben will Gard neue Fertigungsverfahren und Werkstoffe näher bringen, aber auch laufende Entwicklungen von Prototypen oder Testarbeiten an Werkstoffen vorstellen. Gard soll Kooperationen unter den Betrieben vermitteln und auf die verstärkte Nutzung von Datenbanken in den Betrieben aufmerksam machen.
Nach 12 Jahren in den Niederlanden vergleicht Wolfgang Gard seinen alten und seinen neuen Wirkungskreis und stellt viele Gemeinsamkeiten fest. Die Infrastruktur von Nordrhein-Westfalen ähnele zum Beispiel sehr den Verhältnissen in den Niederlanden, absolut vergleichbar seien zudem die Probleme des Mittelstandes beim Nachbarn. Dies bestärkt ihn in seiner Gewissheit, auch im nordrhein-westfälischen Tischlerhandwerk in den nächsten Jahren noch viel bewegen zu können.

Steckbrief: Wolfgang Gard
Geboren: 1954
Familie: verheiratet, drei Kinder
Berufliche Laufbahn:
Tischlerausbildung, Limburg
Studium der Holzwirtschaft / Universität Hamburg
Berufsschullehrer für Holztechnik und Chemie, Kassel
Berufserfahrung:
Bereichsleiter Holztechnologie bei der TNO (12 Jahre), NL
Wissenschaftlicher Angestellter an der Uni Delft, NL
Wissenschaftlicher Angestellter an der Uni Hamburg
Berufsschullehrer (Tischler, Chemielaboranten) in Kassel
Verschiedene Tischlereien in Hamburg


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