Verbändefachtagung zur DIN V 18599: Der integrale Ansatz zur energetischen Bewertung von Gebäuden ein Brückenschlag zwischen Beratungs- und Planungspraxis
Bonn, im Oktober 2005 Die neue Vornormreihe DIN V 18599 stellt das Verfahren zur Bewertung der Gesamtenergieeffizienz von Wohn- und Nichtwohngebäuden zur Verfügung. Ein solches Verfahren wird nach Artikel 3 der EU-Richtlinie Gesamtenergieeffizienz von Gebäuden gefordert. Demnach ist das in der DIN V 18599 beschriebene Rechenverfahren auch Bestandteil der derzeit zur Novellierung anstehenden EnEV.
Die zehn Teile umfassende Normenreihe ein weiterer Teil mit Praxisbeispielen ist in Vorbereitung bildet eine wichtige Grundlage für den Energiepass, der 2006 für Wohn- und Nichtwohngebäude eingeführt werden soll. Mit der DIN V 18599 wird erstmalig ein Verfahren zur ganzheitlichen Bewertung der Gesamtenergieeffizienz von Gebäuden zur Verfügung gestellt. Es basiert auf der Berechnung des Nutz-, End- und Primärenergiebedarfs für Heizung, Lüftung, Klimatisierung, Trinkwarmwasserbereitung und Beleuchtung unter standardisierten Bedingungen. Was ändert sich durch die neue Norm? Wie kann dieses umfassende Regelwerk in die Praxis umgesetzt werden? Und welche praktischen Auswirkungen ergeben sich daraus für Architekten, Planer und Fachhandwerker? Mit diesen Fragen beschäftigte sich Mitte September eine Fachtagung im Bonner Gas- und Wasserzentrum (GWZ), die gemeinsam vom Bundesindustrieverband Deutschland für Haus-, Energie- und Umwelttechnik e.V. (BDH), dem Fachinstitut Gebäude-Klima e.V. (FGK) und der Vereinigung der deutschen Zentralheizungswirtschaft e.V. (VdZ) ausgerichtet wurde.
Die im März dieses Jahres verabschiedete DIN V 18599 schlägt die Brücke von der EU-Gebäudeeffizienzrichtlinie über die neue EnEV 2006 zur Beratungs- und Planungs-Praxis. Sowohl im Neubau als auch in der Bestandssanierung soll sie künftig angewendet werden. Im Rahmen ihrer gemeinsamen Tagung gaben BDH, FGK und VdZ einen ersten Einblick in das neue Regelwerk und zeigten auf, welcher Handlungsbedarf sich hieraus für die Haus- und Gebäudetechnik ergibt. Rund 80 Teilnehmer waren der Einladung auf den Bonner Hardtberg gefolgt ein Zeichen für die Aktualität des Themas wie auch für die Notwendigkeit des branchenübergreifenden Austauschs. Referenten aus Industrie und Wissenschaft sowie dem Verbands- und Normwesen beleuchteten die einzelnen Teile der DIN V 18599 und ihre praktischen Auswirkungen aus unterschiedlichen Perspektiven.
Mit den Erwartungen der Praxis befasste sich das Einstiegsreferat von Prof. Dr.-Ing. Ulrich Pfeiffenberger, Präsident des Fachinstituts für Gebäude- Klima, Bietigheim-Bissingen. Er stellte die wesentlichen Änderungen vor, die mit der Einführung der DIN V 18599 verbunden sind, und erläuterte die damit verknüpften Zielsetzungen aus der Sicht des Praktikers. Sein Appell: Das mehr als 1.000 Seiten umfassende Regelwerk verdient unseren Respekt. Alle Anstrengungen müssen jetzt darauf ausgerichtet sein, die Norm als Werkzeug handhabbar zu machen. Ganz wichtig sei in diesem Zusammenhang, dass verschiedene Personen bei identischen Vorgaben zu gleichen Bewertungsergebnissen kommen. Berechnungsbeispiele zur Umsetzung der Norm sind deshalb in Teil 11 vorgesehen, der voraussichtlich Anfang 2006 vorliegen wird.
Die Methodik der DIN V 18599 zur Bilanzierung von Gebäude, Anlagentechnik und Beleuchtung stellte Dr.-Ing. Bernd Oschatz, Institut für Technische Gebäudeausrüstung (ITG), Dresden, vor. Sein Vortrag machte deutlich, dass der Entwicklung praxisgerechter Software eine wesentliche Bedeutung bei der Einführung und Umsetzung der Norm zukommt. Ist dieses Handwerkszeug gegeben, kann mit einem Bearbeitungsaufwand von ein bis zwei Tagen pro Gebäude gerechnet werden. Korrekturbedarf sieht Oschatz allerdings bei der Anzahl der vorgesehenen Iterationsschritte: Sie sollte seiner Meinung nach von zwei auf vier erhöht werden. Eine entsprechende Änderung ist bereits in Aussicht gestellt.
Mit der Berechnung der Effizienz von Heizung und Warmwasserbereitung beschäftigte sich Dipl.-Ing. Jürgen Schilling, Viessmann Werke, Allendorf. Dabei stellte er die neue DIN V 18599 der bislang gültigen DIN V 4701-10 gegenüber. Der wesentliche Vorteil besteht darin, dass künftig ein einheitliches statt bislang dreier unterschiedlicher Verfahren zur Anwendung kommt. Anstelle der auf die Heizperiode bezogenen Berechnung tritt eine Monatsbilanzierung, mit deren Hilfe sich das Nutzerverhalten weit realistischer abbilden lässt. Darüber hinaus gehende Änderungen gegenüber der DIN V 4701-10 sind laut Schilling nicht zu erwarten.
Über die Bewertung der Lüftungs- und Klimatechnik für Nichtwohngebäude referierte Dipl.-Ing. Claus Händel (FGK). Er zeigte auf, dass mit den Berechnungsverfahren nach DIN V 18599 eine Vielzahl gebräuchlicher Lösungen erfasst wird, die schon heute rund 90 % aller installierten Anlagen abdecken. Im Idealfall könnten sich aus der Praxis sogar neue Lösungsansätze zur energieeffizienten Klimatisierung ergeben, über die man sich bislang noch gar keine Gedanken gemacht hat, so Händel. Ein wesentlicher Schlüssel hierzu liege allerdings in der Abstimmung zwischen Architekten und Planern.
Die energetische Bewertung von Gebäuden und Gebäudetechnik mit bestehenden Verfahren im Vergleich zur DIN V 18599 stellte Prof. Dr. Rainer Hirschberg vom Verein Deutscher Ingenieure e.V. (VDI), Wiesbaden, in den Mittelpunkt seines Vortrags. Hirschberg machte vor allem die Rückwirkungen des neuen Regelwerks auf den Planungsprozess deutlich. Als Instrument zur energetischen Bewertung von Gebäuden ist die DIN V 18599 hervorragend geeignet. Der Umfang des neuen Regelwerks sollte die Beteiligten deshalb keineswegs abschrecken: Eine Hauptaufgabe wird darin liegen, die geeigneten Softwareprogramme bekannt zu machen, damit geeignete Werkzeuge für die Umsetzung zur Verfügung stehen. Mit Blick auf die Ausstellung von Energiepässen forderte er die Branche nachdrücklich zur Definition von Qualitätsstandards auf. Nur durch einheitliche Standards sei gewährleistet, dass der Energienachweis Aussagekraft hat, Akzeptanz in der Öffentlichkeit findet und die erwünschte Bereitschaft zu Investitionen in die energetische Modernisierung weckt.
Ist die neue DIN V 18599 möglicherweise nur ein Übergangsregelwerk, an dessen Stelle schon bald eine gesamteuropäische Norm tritt? Diese Frage stand im Mittelpunkt des abschließenden Vortrags von Dipl.-Ing. Horst-P. Schettler-Köhler, Referatsleiter beim Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR). Zwar sind die Normungsaktivitäten zur Umsetzung der EU-Gebäuderichtlinie bereits in vollem Gange, doch für den deutschen Markt wird zunächst die Einbindung der DIN V 18599 in die EnEV 2006 von Bedeutung sein. Rechtlich besteht keine Verpflichtung, in der EnEV auf europäische Normen zu verweisen. Für die verbindliche Einführung europaweit geltender Regelungen wäre eine Änderung der EU-Richtlinie zur Energieeffizienz von Gebäuden erforderlich, die sich zurzeit jedoch nicht abzeichnet. Vor diesem Hintergrund, so Schettler-Köhler, führt auf absehbare Zeit kein Weg an der DIN V 18599 vorbei. Überdies habe das deutsche Regelwerk bereits viele positive Reaktionen aus anderen europäischen Ländern erfahren. Es sei daher grundsätzlich geeignet, als Grundlage für eine europäische Norm zu dienen. Das Ziel müsse daher lauten, die DIN V 18599 transparent zu machen und die Motivation zu ihrer Umsetzung zu fördern. Ein wichtiger Schritt ist daher die zurzeit erfolgende Übersetzung der DIN V 18599 ins englische.
Am Rande der Tagung wurde mit anwesenden Softwarehäusern vereinbart, dass die VdZ zu einem Workshop einladen wird, um gemeinsame Fragen der Umsetzung der DIN V 18599 in anwendungsbezogene Software-Module zu klären. Damit wird ein weiterer Schritt zur praxisnahen Umsetzung vollzogen.