Zum Tode des Präsidenten des Zentralrates der Juden in Deutschland, Dr. h.c. Paul Spiegel, übersandte Bundesinnenminister Dr. Wo

Zum Tode des Präsidenten des Zentralrates der Juden in Deutschland, Dr. h.c. Paul Spiegel, übersandte Bundesinnenminister Dr. Wolfgang Schäuble heute den Stellvertretern nachstehendes Schreiben:
Frau Charlotte Knobloch Herrn Dr. Salomon Korn Zentralrat der Juden in Deutschland Leo-Baeck-Haus Tucholskystr.9 10117 Berlin
Sehr geehrte Frau Knobloch, sehr geehrter Herr Dr. Korn, zum Tode seines Präsidenten spreche ich dem Zentralrat der Juden in Deutschland und der ganzen jüdischen Gemeinschaft in Deutschland meine Anteilnahme aus.
Paul Spiegel hat das wechselvolle deutsch-jüdische Verhältnis Zeit seines Lebens begleitet. Als Zeitzeuge überlebte er im Kindesalter den nationalsozialistischen Völkermord an den Juden in einem Versteck in Belgien, seine Schwester wurde in Auschwitz ermordet. Dennoch entschieden sich seine Eltern für die Rückkehr nach Deutschland, in das heimatliche Warendorf. Schon frühzeitig hat er sich für die jüdische Gemeinschaft in Deutschland engagiert und bei der Jüdischen Allgemeinen Wochenzeitung. Paul Spiegel sah für sich das ihm zweimal übertragene Ehrenamt des Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland wie er es einmal ausdrückte als Konsequenz dieser lebenslangen Auseinandersetzung. Er wusste um die Abgründe und Abbrüche der deutsch-jüdischen Geschichte, aber auch um ihren Reichtum, der nicht dem Vergessen anheim fallen darf.
Paul Spiegel war ein Mann des Gesprächs. Er suchte, wo immer es möglich war, das Gespräch von Angesicht zu Angesicht. Dabei war es ihm wichtig, als Deutscher jüdischen Glaubens die persönliche Botschaft zu vermitteln, sich zuhause zu fühlen, hier angekommen zu sein. Es war für ihn eine tiefe Befriedigung, dies auch für die große Mehrheit der Deutschen jüdischen Glaubens aussprechen zu können. Als glaubwürdiger Zeitzeuge einer langen Wegstrecke deutsch-jüdischer Geschichte ist es ihm in unzähligen Gesprächen und Begegnungen gelungen, für viele nichtjüdische Deutsche, insbesondere auch für junge Menschen, den Zugang zu Lebenswelt und Schicksal von Juden in Deutschland zu öffnen. Dabei kam ihm sein offene und authentische, den Menschen zugewandte Wesensart zu Gute.
Oftmals hat Paul Spiegel in den vergangenen Jahren von einer Renaissance gesprochen, vor der das Judentum in Deutschland steht. Heute zählt die jüdische Gemeinschaft in unserem Lande 105.000 Mitglieder. Mit ihren über 100 Gemeinden ist sie die drittgrößte in Europa und weltweit die am schnellsten wachsende jüdische Gemeinschaft. Sichtbare Zeichen für dieses Wachstum sind neue Synagogen, die in unserem Lande gebaut worden sind und noch gebaut werden. Die Einweihung der neuen Hauptsynagoge in München, des größten Synagogenbaus Europas, am 9. November diesen Jahres wird er nun nicht mehr erleben können. Bei allen Integrationsschwierigkeiten: Paul Spiegel sah in den gewaltigen Herausforderungen, vor denen sich die Gemeinden durch die Zuwanderung aus Osteuropa gestellt sehen, vor allem Chancen, Chancen für die Gemeinden, Chancen für die ganze jüdische Gemeinschaft in Deutschland und er hat es oft betont - nicht zuletzt einen Anlass zur Freude.
Der Abschluss des Vertrages zwischen der Bundesrepublik Deutschland und dem Zentralrat der Juden in Deutschland vom 27. Januar 2003 war nicht nur für den Verstorbenen ein herausragendes Ereignis.
Bei allem Vertrauen in die Stabilität unserer Demokratie war Paul Spiegel ein realistischer und wachsamer Mahner und ein Warner vor denen, die dieses Vertrauen zerstören wollen, etwa durch antisemitische Hetzparolen oder rechtsextremistisches Gedankengut. In seinem Sinne gilt dem Antisemitismus unser entschiedenes ´Nein´, in welchem Gewande er sich auch immer zeigt. Paul Spiegel wird uns fehlen.
Im Schmerz und Trauer über den Tod von Paul Spiegel, aber auch in Dankbarkeit für sein Leben und segensreiches Wirken für unser Land und die jüdische Gemeinschaft in Deutschland grüsse ich den Zentralrat der Juden in Deutschland.

Mit stillem Gruß Dr. Wolfgang Schäuble

Bundesministerium des Innern
Verantwortlich: Stefan Kaller Redaktion: Gabriele Hermani, Christian-Gunther Sachs, Annette Ziesig, Matthias Wolf Pressereferat im Bundesministerium des Innern, Alt-Moabit 101 D, 10559 Berlin E-Mail: presse@bmi.bund.de, www.bmi.bund.de , Telefon: 01888/681-1022/1023, Fax: + 49 1888


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