Geliebt, geschmäht und heute wieder gefeiert

Geliebt, geschmäht und heute wieder gefeiert

"Die moderne Raumkunst kann einen Werkstoff wie Linoleum als modernen Bodenbelag überhaupt nicht entbehren. Während der Streit über die wirtschaftlichsten und zweckmäßigsten Wände, Decken oder gar das Dach unvermindert anhält, so steht ein Werkstoff außerhalb jeden Streits: das Linoleum." Mit solch euphorischen Worten wurde Linoleum einst gefeiert – in den späten 20er Jahren, im Zenit seiner Reputation. Doch die Geschichte des Linoleums kennt nicht nur Höhepunkte, sondern weiß auch von seinem tiefen Fall in den 60er Jahren zu berichten. Und von seiner glanzvollen Re­nais­san­ce in heutiger Zeit.

Der Zufall als Geburtshelfer

Die Erfindung des Linoleums durch den englischen Chemiker Sir Frederick Walton (geb. 1834) verdankt sich einem Zufall: Walton hatte beobachtet, dass sich auf der Oberfläche von Farbtöpfen eine knet- und formbare Haut aus getrocknetem Leinöl bildet. Der Grund da­für: Öl oxidiert, wenn es mit Sauerstoff in Berührung kommt. In zahllosen Experimenten versuchte Walton, diesen Prozess künstlich zu beschleunigen und zu vereinfachen. Für die Herstellung von Leinölhaut (Linoxyn) verwendete er im Wesentlichen schon diejenigen Bestand­teile, die auch heute noch die Grundsubstanz von Linoleum bilden: Leinöl, Korkmehl und Harze.

Seine Erfindung nannte Walton "Indian rubber substitute", das er als Kaut­schuk-Ersatz anbot. Zunächst allerdings war das Interesse der Industrie an diesem Stoff äußerst gering. Erst durchreisende Händler machten Walton darauf aufmerksam, dass sich diese gleichmäßige, zäh-elastische Masse als Bodenbelag eignen würde. Daraufhin ließ Walton die Leinölmasse auf ein Jute-Ge­webe aufwalzen und trocknen – das Linoleum war geboren. Den Namen für den neuartigen Bodenbelag ent­lehnte Walton dem Lateinischen: "oleum lini" für den Hauptrohstoff Leinöl. Dem Erfinder zu Ehren nannte man übrigens später den unifarbenen Linoleum-Belag von Armstrong DLW "Uni Walton".

Erfolg in England – Skepsis in Deutschland

Im Jahr 1863 meldete Walton sein Patent auf Linoleum an, schon ein Jahr später gründete er in Staines bei London die erste Linoleumfabrik. Trotz eines damals sehr zeitaufwändigen und kostenintensiven Herstellungsverfahrens war Linoleum fortan ein unaufhaltsamer Erfolg beschieden. Denn es war der einzige industriell herstellbare Bodenbelag, war leicht zu verlegen und vergleichsweise einfach zu reinigen, es dämmte den Schall, isolierte vor Kälte und wurde vom Ungeziefer weder befallen noch gar aufgefressen – in den Arbeitervierteln der Großstädte des 19. Jahrhunderts ein nicht zu unterschätzender Vorteil. Weil die technische Produktion laufend verbessert und bald auch nicht so schnell abtretbare Muster aufgedruckt werden konnten, wurde Linoleum immer beliebter und verdrängte das in Großbritannien vorherrschende Kamptulikon, einen lederartigen, schmutzig grau-braunen Belag aus Kork und Kautschuk. Schon kurz nach dem Beginn der industriellen Fertigung konnte die Linoleum-Produktion dem wachsenden Be­darf kaum nachkommen, 1888 gab es allein in England bereits 20 Lino­leum-Fabriken.

In Deutschland begann die Erfolgsgeschichte des Linoleums mit einiger Verzögerung. Hierzulande war der Boden traditionell aus Holz – Dielen zumeist –, und künstlich hergestellte Beläge wie Kamptulikon waren nahezu unbekannt. Deshalb stand man zunächst auch dem neuartigen Linoleum, anfänglich "Korkteppich" genannt, äußerst skeptisch gegenüber. Erschwerend kam hinzu, dass die deutschen Schutzzölle das ohnehin keineswegs billige Produkt zusätzlich verteuerten. Paradoxerweise aber war genau dies der Grundstein für eine deutsche Linoleum-Produktion: Um die hohen Zölle zu umgehen waren die englischen Fabrikanten gezwungen, Linoleum in Deutschland herzustellen. Als Standort eignete sich das nahe bei Bremen gelegene Städtchen Delmenhorst, denn dort war bereits eine Kork und Jute verarbeitende Industrie ansässig.

Zwischen 1882 und 1898 siedelten sich gleich drei Linoleum-Fabriken in Del­men­horst an: Die "Delmenhorster Linoleumfabrik" (ab 1896 "Hansa-Lino­leumwerke Delmenhorst"), die "Anker-Linoleumwerke" und die "Schlüssel-Lino­leum­werke". Weitere Fabriken wurden 1882 in Rixdorf (Berlin-Neukölln), 1883 in Köpenik (Berlin), 1893 in Maximiliansau (bei Karlsruhe) und 1897 in Bed­burg bei Köln gegründet, 1899 kamen die "Germania-Lino­leumwerke" in Bietigheim bei Stuttgart hinzu. Die frühen Gründungen waren übrigens meist rein englische Produktionsgesellschaften, auch wenn die deutschen Firmennamen etwas anderes suggerierten: Die Maschinen, das technische Wissen, selbst die Vorarbeiter kamen aus Großbritannien, und ohne englisches Kapital wäre keine der Fabriken in Deutschland lebensfähig gewesen. Lediglich die "Delmenhorster Linoleumfabrik" war als rein deutsches Unternehmen gegründet worden. Delmenhorst aber wurde schnell zum Zentrum der deutschen Linoleumproduktion.

Künstler-Linoleum mit Weltruf

Bis zum Ersten Weltkrieg nahm die deutsche Linoleum-Industrie einen enormen Aufschwung. Schlüssel des weltweiten Erfolgs war die Erkenntnis, dass man sich gegen die starke englische Konkurrenz auf dem Weltmarkt nur mit Qualitätsware würde durchsetzen können. Erheblich beigetragen zum Erfolg des deutschen Linoleums hatte zudem die weit reichende Entscheidung, das Design der Bodenbeläge weiterzuentwickeln. Hatte man bislang einfarbige, meist rostbraune oder gelblich-braune Linoleum-Böden gefertigt, so experimentierten die großen Fabriken seit den 90er Jahren des 19. Jahrhunderts mit neuen Farben und Formen. Bedeutende Architekten, Designer und Künstler verhalfen dem Inlaid-Linoleum zu anspruchsvollen, oft an den Jugendstil angelehnten Dessins. Zu ihnen gehörten unter anderem Lucian Bern­­hard, Hans Christiansen, Carl Eeg, Albert Gessner, Josef Hoffmann, Albin Müller, Bruno Paul, Richard Riemerschmid, Henry van de Velde und – allen voran – Peter Behrens. Die von Behrens entworfenen Muster verschafften den Delmenhorster Linoleumfabriken endgültig Weltruf.

In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts wurde die Ästhetik des künstlerisch gestalteten Linoleums zu einem bedeutsamen Bestandteil der zeitgenössischen Architektur. Besonders die Star-Architekten der 20er Jahre – wie Bruno Taut, Ludwig Mies van der Rohe und Walter Gropius – nutzten Linoleum als innenarchitektonisches Gestaltungsmittel. Den überwältigenden Erfolg dokumentieren die zahlreichen öffentlichen Ausstellungen, auf denen Linoleum jetzt als innovativer und dekorativer Bau- und Werkstoff gefeiert wurde: auf der "Allgemeinen Landes-, Industrie- und Gewerbeaus­stellung" in Oldenburg 1905 (verbunden mit der "Nordwestdeutschen Kunst­ausstellung"), auf der Ausstellung des Deutschen Museums für Kunst in Handel und Gewerbe in Dresden 1906 sowie auf den Weltausstellungen 1910 in Brüssel und 1913 in Genf. Die 1927 errichtete Weißenhofsiedlung in Stuttgart war fast komplett mit Linoleum ausgestattet, ebenso die Dammerstock-Siedlung in Karlsruhe oder die Meisterhäuser von Walter Gropius in Dessau. Als Höhepunkte der künstlerisch-architektonischen Verwendung von Linoleum gelten die von Mies van der Rohe und Lilly Reich konzipierte DLW-Linoleum-Aus­stellungseinheit auf der Stuttgarter Werkbund-Ausstellung "Bau und Wohnung" aus dem Jahre 1927 sowie die Gestaltung des deutschen Pavillons 1929 auf der Weltausstellung in Barcelona, ebenfalls durch Mies van der Rohe.

Das vorläufige Ende der Erfolgsgeschichte

Der Erste Weltkrieg bedeutete eine kurze, aber einschneidende Zäsur in der Erfolgsgeschichte des Linoleums, da die Einfuhr der Rohstoffe Jute, Harz und Kork stockte und Leinöl für die Herstellung von Speisen benötigt wurde. Doch bereits zu Beginn der 20er Jahre erreichte die deutsche Linoleumproduktion wieder ihr Vorkriegsvolumen. Während der Weimarer Republik kam es dann zu einer starken Konzentration der Linoleum-Industrie in Deutschland: 1926 fusionier­ten die drei Delmenhorster Linoleum-Fabriken und die Bietigheimer Fabrik zu den "Deutschen Linoleum-Werken" mit Hauptsitz in Berlin – fortan stand der Traditionsname DLW stellvertretend für die hohe deutsche Linoleum-Qualität. In der Folgezeit wurden noch weitere Werke in die DLW integriert, im Jahr 1938 verlegte man den Hauptsitz von Berlin nach Bietigheim (heute Bietigheim-Bissingen).

Unter der nationalsozialistischen Herrschaft in Deutschland endete die Tradition des "Künstler-Linoleums" abrupt. Als anspruchsloser Bodenbelag aber war Linoleum vor allem im Objektbau weiterhin beliebt. Doch gerade hierin gründete sein Niedergang in den 50er Jahren: Am Ende der Wirtschaftswunderjahre war Linoleum als unansehnlicher Bodenbelag für Trep­penhäuser und Krankenhausflure verpönt, der Geruch des Muffigen, Ver­staub­ten, des Un­modernen hatte sich über den einst geliebten und gefeierten Bodenbelag gelegt. Seit den 60er Jahren kamen außerdem zahlreiche Kon­kur­renz­pro­dukte auf den Markt: moderne Kunststoff-Beläge und industriell gefertigte Teppichböden, später dann Fertigparkett, Fliesen und Korkbeläge. Sie alle machten dem Bodenbelag Linoleum schwer zu schaffen. Ende der 60er Jahre wurde die Produktion in Deutschland stark gedrosselt und von DLW auf ein einziges Werk in Delmenhorst konzentriert. Weltweit mussten zahlreiche Produzenten die Herstellung sogar ganz einstellen – für Linoleum schien das Ende gekommen.

Die Renaissance des modernen Bodenbelags-Klassikers

Doch Totgesagte leben ja bekanntlich länger. Es war die Ökologiebewegung mit ihrem gesteigerten Bewusstsein für natürliche und wohngesunde Bau- und Werkstoffe, die dem Belag aus nachwachsenden Rohstoffen seit Mitte der 80er Jahre eine echte Renaissance bescherte. Moderne Dessins und eine frische Farbgebung, dazu eine umweltschonende und zugleich kostengünstige Produktion haben Linoleum verloren gegangene Marktanteile zurückerobert. Mittlerweile ist dieser Boden im Wohn­zimmer, im Kinder- und Arbeitszimmer wieder präsent, ebenso in Flur und Küche. Eine sehr wichtige Rolle spielt Linoleum aber vor allem im Objektbau: Für Krankenhäuser, Senioren- und Pflegeheime, Büros, Schulen und Kindergärten ist es aufgrund seiner vielen positiven Eigenschaften der ideale Bodenbelag. Denn Linoleum ist ökologisch und ästhetisch, wirtschaftlich und strapazierfähig, und kaum ein anderes Material lässt eine solche Fülle an Möglichkeiten für die individuelle Bodengestaltung zu.

Linoleum wird zu Recht als der Klassiker unter den Bodenbelägen bezeichnet. Doch es ist ein sehr moderner Klassiker, der wieder beste Chancen für einen welt­weiten Markt hat. Die 1998 erfolgte Fusion mit Armstrong World Industries, dem drittgrößten Bodenbelagshersteller der Welt, eröffnet dem vielseitigen Belag den Weg ins globale Baugeschehen. Die aktuelle Kollektion wurde vom Studio Dal Lago mitentwickelt, eines der auf dem Gebiet der Farbforschung und Farbprojektierung wichtigsten Design-Büros in Europa. Aufgrund der international abgestimmten Farbfamilien wurden die Gestaltungsspielräume mit Linoleum der neuesten Generation noch einmal wesentlich erweitert. Mehr Informationen zur Geschichte des Linoleums gibt der reich bebilderte Aus­stellungskatalog "Linoleum. Geschichte, Design, Architektur 1888 - 2000", der im Verlag Hatje Cantz erschienen ist.

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