Umweltmedizin, Schadstoffe und Schimmelkunst Fortbildungsveranstaltung am LGA Stuttgart

Umweltmedizin, Schadstoffe und Schimmelkunst Fortbildungsveranstaltung am LGA Stuttgart
Unter Federführung von Dr. Gabrio bot das Landesgesundheitsamt Stuttgart am 17.11.04 wieder eine vielseitige Veranstaltung mit Fachreferenten an. Der Themenbogen spannte sich von Innenraumkontaminanten und deren gesundheitlicher Bewertung, über den Einfluss der Nutzungsbedingungen, bis hin zu Spezialwissen aus dem Bereich der Actinomyceten.
Die sinnvolle Risikokommunikation erwies sich als besondere Herausforderung an die Baubiologie. Die Schnittstelle zwischen Analytik und Verbraucher unterliegt hohen Anforderungen, die durch wissenschaftliche Bildung allein nicht erfüllt werden. Hier ist soziale Kompetenz und Kommunikationstalent gefragt. Offenbar erhält die Risikokommunikation selbst in der ärztlichen Ausbildung nicht den gebührenden Stellenwert. Auch Ärzte tun sich hier also schwer- die Verbraucherzentralen andererseits betrachten sich als nicht fachkompetent für gesundheitliche Fragestellungen und fordern stärkere Interdisziplinarität. Selbst gehen die Mitarbeiter der Verbraucherzentralen übrigens nicht vor Ort, also dahin, wo der Kunde sein Problem hat.

Herr Dr. Volland ging in seinem Vortrag speziell auf den Einfluss der Raumklimafaktoren auf die Innenraumlasten ein.
Diese Parameter dürfen sowohl bei der Analytik der Schadstoffkonzentrationen im Innenraum, als auch bei der Raumnutzung nicht unberücksichtigt bleiben. Temperatur, relative Luftfeuchte und besonders die Luftwechselrate bestimmen den Stofftransport von der Quelle zum Nutzer. Beispielsweise ist bei PCB’s eine Verdoppelung der Konzentration durch Temperaturerhöhung um 3-5° möglich. Hingegen kann Querlüftung von 5 Minuten je Stunde die Belastung um ein Drittel verringern. Einen bedeutenden Einfluss auf die Emission von Formaldehyd und PCP aus der Quelle übt die Raumluftfeuchte aus- auch hier tut Frischluft Not.

In den letzten Jahrzehnten wurden die Zwangsluftwechselraten durch dichtere Bauweise um den Faktor 10 gesenkt. Heute muss also 10-mal häufiger gelüftet werden als früher! Für den Untersucher stellt sich die Frage der repräsentativen Probenahmestrategie: So wurden im gleichen Klassenraum unter vermeintlichen ‚worst-case’- Bedingungen, also 24 Stunden ungelüftet (in den Schulferien bei 19°) nur zwei Drittel der PCB-Konzentration ermittelt, wie später unter Nutzungsbedingungen bei 22°- trotz Fensterlüftung!

Über ein Projekt zum Humanbiomonitoring auf Phthalate berichtete Frau Dr. Hildenbrand.
Phthalate werden seit 60 Jahren, derzeit mit einem Ausstoß von mehreren Millionen Tonnen pro Jahr, produziert. Davon werden 90% als ‚äußere Weichmacher’ -also in einer Mischung ohne chemische Bindung- in PVC- Produkten, wie Bodenbelägen, Spielzeugen, Infusionsschläuchen etc., eingesetzt. Da keine molekulare Verbindung mit dem Trägermaterial besteht, findet eine ständige ‚Weichmacherwanderung’ statt. Der Kunststoff versprödet, die Weichmacher geraten in die Umwelt. Nach Bindung an Staubpartikel sind sie dem oxidativen Abbau in der Atmosphäre weitgehend entzogen, und halten sich sehr lange. Als Folge davon ist diese Stoffgruppe mittlerweile weltweit in Umweltmedien, wie Luft und Wasser, zu finden.

10% der Produktion kommen in Kosmetika (als Trägersubstanzen für Duftstoffe), Lacken und Pharmaka (zur Verzögerung der Wirkung)- in unmittelbarem Kontakt zum Körper zum Einsatz.

Beim Biomonitoring einer Gruppe von Kindern wurden Körperflüssigkeiten untersucht. Als erste Schwierigkeit war zu überwinden, dass die Proben sofort durch die Luft mit Muttersubstanzen, wie DEHP, verunreinigt werden. Die Verarbeitung in spezifische Abbauprodukte (Metabolite) erfolgt jedoch nur im Körper. Die weitere Untersuchung gründete sich also auf den Nachweis dieser Stoffwechselprodukte. Das erschreckende Ergebnis: Alle Probanden -vom Säugling bis zum Jugendlichen- hatten Phthalate im Körper.

In Tierversuchen sind krebserregende Wirkungen und auch Einflüsse auf die Fortpflanzungsfähigkeit eindeutig. Hierbei sind junge Tiere früher und stärker betroffen. Beim Menschen ist die Reproduktionstoxizität noch nicht konkret nachgewiesen. Auch bei diesen Schadstoffen sind Korrelationen mit schädlichen Effekten, oder Krankheiten in der Allgemeinbevölkerung schwer herstellbar. Bereits im Alter von 2 Jahren kann die Belastung z.B. durch Spielzeug erfolgt sein, deren Auswirkung auf die Reproduktion zeigt sich erst mit 30 Jahren. Dennoch wurde politisch reagiert: Ab Ende 2004 sind EU-weit DEHP und DBP wegen ihrer Schädlichkeit in Farben und Klebstoffen verboten, einige Monate später auch in Kosmetika. Für Fußböden oder Infusionssysteme gilt das Verbot allerdings nicht.

Teichgarten mit Schimmelscheiben – ein neues Blütenereignis Kunst wäscht den Staub des Alltags von der Seele
-diesen Ansatz von Pablo Picasso setzte die Künstlerin Sabine Laidig reizvoll um. In durchsichtigen Stelen konnte das Wachstum geimpfter Nährböden beobachtet werden. Es entstanden so ganz neue und faszinierende Bilder über Werden und Vergehen. Auch für Schimmelprofis ein neuer Blickwinkel auf die Materie! Ein Bildkalender ist in Vorbereitung.

Weiterführende Links:
www.sabinelaidig.de
www.festival-der-gaerten.de

Stephan Streil
Baubiologe IBN
Eichendorffstr.6, 82223 Eichenau
Tel. 08141/537834
www.baubio-logisch.de


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