Ein Gehry-Museum im Ziegel-Gewand

Ein Gehry-Museum im Ziegel-Gewand

Es könnte glatt der kleine Bruder des Guggenheim-Museums von Bilbao sein. Nur dass der amerikanische Stararchitekt Frank O. Gehry im ostwestfälischen Herford nicht auf glänzendes Titan, sondern auf einen ortstypischen Baustoff setzte. Gehry steckte die gestauchten Türme seines MARTa Herford Museums in ein rotbraunes Ziegelgewand und entschied sich damit ganz bewusst für städtebauliche Harmonie. Spektakulär bleibt das Bauwerk trotzdem oder gerade deshalb.Es war nicht das erste Mal, dass Gehry den Baustoff Ziegel ausgewählt hat. Auch am neuen Zollhof in Düsseldorf lässt sich die Kombination aus futuristischer Architektur und traditionell-handwerklicher Fassadenverkleidung bewundern. Der Einsatz in Herford war allerdings eine echte Herausforderung. Vor allem deshalb, weil das 22 Meter hohe, skulpturartige Gebäude, der Erdanziehungskraft zu trotzen scheint. Die Klinker mussten an Wände gebracht werden, die sich praktisch in alle Richtungen wölben. Die Neigungen belaufen sich auf bis zu 16 Grad. „Es war die Idee von Frank Gehry, alles mit Klinkern zu verkleiden“, erklärt der ausführende Architekt Hartwig Rullkötter aus Herford. Städtebauliche Vorgaben oder andere Gründe hätten keine Rolle gespielt. Gehry habe sich allein aus Designgründen für Ziegel entschieden.

Die Umsetzung war jedoch alles andere als einfach. „Das war beileibe kein normaler Auftrag“, erinnert sich Bauleiter Hans-Jürgen Kepp von der Kutschke & Janhsen Bau GmbH aus Herford an die Bauzeit zurück. Durch die vielen Rundungen habe man nicht so schnell wie sonst in die Höhe bauen können. „Außerdem mussten deutlich mehr Dübelanker gesetzt werden.“ Am Ende habe jedoch alles problemlos geklappt. Die Klinkerarbeiten haben mit Unterbrechungen rund acht Monate gedauert und waren Anfang 2005 abgeschlossen. Unter den Klinkern befinden sich Stahlbetonwände, die gleich in der gewünschten Form errichtet worden sind. Davor kamen Dämmschicht und Befestigungs-Systeme aus Edelstahl. „Damit das auch in 40 Jahren noch alles hält“, erklärt Stefan Hoffmann, Projektleiter und Bauingenieur der Archimedes Bauplanungsgesellschaft mbH aus Bad Oeynhausen. Über die Zusammenarbeit mit Kutschke & Janhsen, deren Mitarbeiter auch schon den von Gehry entworfenen neuen Zollhof in Düsseldorf verklinkert haben, ist er sehr zufrieden: „Man braucht eine gute Klinkerfirma, sonst klappt so was nicht.“

Das Ergebnis ist wirklich atemberaubend. Wer sich dem neuen Museum an der Goebenstraße nähert, wird sofort in seinen Bann gezogen. Ursprünglich war dort einmal ein denkmalgeschütztes Firmengebäude aus den 50er Jahren zu sehen. Doch Gehry hat es umbaut und durch eine monumentale Skulptur ersetzt. Von weitem erinnert sie an abgeknickte Schlote eines sinkenden Ozeandampfers, von oben gleicht sie einer sich öffnenden Blüte. Niemand weiß, wo die Wände aufhören und das Dach beginnt. Fenster sind von vorne nicht zu sehen. Alles Licht fällt durch große und hohe Schächte ein.

Auch innen ist nichts wie gewohnt. Kein Saal ist wie der andere und doch sind sie sich irgendwie ähnlich. Puristisch gestaltete Kunstsäle sind ohnehin nicht Gehrys Fall. Seine Vorstellung von moderner Museums-Architektur ist anders: „Was ich im Laufe der Zeit gelernt habe, ist dies: Diese neutrale, sehr neutrale Umgebung ist für viele Kunstwerke eine Zumutung. Die Leute denken, wenn der Raum neutral gestaltet ist und man bringt Kunst darin unter, dann ist die Kunst das Wichtigste und die Architektur muss sich dem unterordnen. Das ist nicht wahr.“

Dass die Fassade aus Ziegeln besteht, hat mit dem Standort zu tun. „Mir ist wichtig, dass das Gebäude ein guter Nachbar wird, dass es in der Umgebung nicht aneckt“, sagte Gehry am Rande der Eröffnungsfeier im Mai 2005. Und: „Es ist verklinkert, weil an vielen öffentlichen Gebäuden in Herford Klinker verwendet werden.“ Am Ende waren es insgesamt 3.120 Quadratmeter oder rund 180 000 Klinker, die aufeinander gesetzt wurden. Die Maße waren Standard bis auf einige Ausnahmen. „Um das Fugenbild einheitlich zu halten, wurden zum Teil Überlängen eingesetzt“, erklärt Architekt Hartwig Rullkötter. Mit der Umsetzung ist der Planer hundertprozentig zufrieden: „Die Klinkerarbeiten wurden perfekt ausgeführt.“

Die Entwürfe für den ungewöhnlichen Bau wurden von Gehry als Computermodell übergeben. Mit Hilfe eines anderen EDV-Programms wurden seine freien Formen später in konstruktionsfähige Daten weiterverarbeitet. Allein für das Dach sollen rund 5.000 Quadratmeter Edelstahl gebogen worden sein. Sein wellenförmiges Design lässt vielfältige Assoziationen zu. Manche Beobachter meinen, dass es die Bewegungen des Verkehrs und des kleinen Flüsschens Aa widerspiegelt. Auf jeden Fall aber gibt es dem Gebäude eine unverwechselbare Leichtigkeit und Dynamik. Die Dachlandschaft wurde aus 347 Einzelteilen zusammengefügt.

Das MARTa Herford war ursprünglich als Haus des Möbels geplant, bekam dann aber doch eine umfassendere Bestimmung. Heute besteht ein Dreiklang aus Design (M für Möbel), Kunst (ART) und Architektur beziehungsweise Ambiente (a). Dass seine Architektur die Kunst erschlagen könnte, diese Angst hat Frank Gehry nicht. „Vielen Künstlern gefällt es, an besonderen Orten auszustellen“, sagte er bei der Eröffnung des Herforder Museums. Außerdem habe Architektur auch noch eine andere Funktion. Gehry: „Sie hilft uns dabei, dass wir uns von der Vergangenheit verabschieden und zumindest in der Gegenwart ankommen, um in der Gegenwart zu leben.“

Der gesamte Komplex besteht aus vier Bauteilen: dem Museum, dem Forum, dem Zentrum und der Cafeteria. Das Zentrum ist der Sitz der Museumsverwaltung und der Bildungswerkstatt, dem das Museum vorgelagert ist. Es besteht aus einem 22 Meter hohen Dom und fünf kleineren Galerien. Alle Räume sind eingeschossig, so dass der Blick der Besucher durch die Oberlichter bis in den Himmel reichen kann. Das Forum ist ein Veranstaltungsraum mit knapp 200 Sitzplätzen. Die Cafeteria besitzt eine mit Kupfer verkleidete Bar und eine verglaste Flussufer-Front samt Außenterrasse. Die Baukosten sollen sich auf rund 29 Millionen Euro belaufen haben.

MARTa Herford soll für neue Impulse in den Bereichen Kunst, Design, Architektur und Wirtschaft sorgen. Welche Anziehungskraft national und international es letztendlich besitzt, bleibt abzuwarten. Fest steht aber schon jetzt, dass es dem Baustoff Ziegel neues Renommee eingebracht hat. „MARTa Herford hat bewiesen, wie flexibel Ziegelkonstruktionen tatsächlich sein können“, erklärt Martin Roth, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Ziegelindustrie, Bonn. Außerdem sei es beeindruckend, welch eine moderne Ausstrahlung und Dynamik ein derart alter Baustoff haben kann.
Informationen:

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