ideal house cologne 2007: Die Architektin Zaha Hadid und der Designer Naoto Fukasawa stellen konträre Zukunftsvisionen vor
Die ideal houses sind sicherlich das Top Event im Designprogramm der imm cologne und können schon als Klassiker gelten. Die programmatischen Entwürfe von einigen der bedeutendsten Designern und Architekten unserer Zeit haben stets für Diskussionen in der Fachwelt gesorgt und die Besucher angezogen. Auch die Entwürfe der Protagonisten für die ideal houses 2007 der Architektin Zaha Hadid und des Designers Naoto Fukasawa könnten unterschiedlicher nicht sein: Hier die pure Sinnlichkeit, bei der Architektur und Möblierung verschmelzen, dort eine hintersinnige Inszenierung von Möbeln, die sich von ihrer Umgebung geradezu zu distanzieren scheinen. Während sich dem Betrachter bei Hadids Kubus eine kraftvolle Formenexplosion bietet, deren Vision eines alle Sinne ansprechenden Lebensumfelds sich unmittelbar mitteilt, werden zwischen Fukasawas monströs wirkenden Wänden mehr Fragen aufgeworfen als Antworten gegeben.Die Architektin verschmilzt Wände und Möbel zu einer sinnlichen Wohnhöhle voller atemberaubender Perspektiven
Das ideal house von Zaha Hadid stellt in gewisser Weise eine Fusion ihrer kreativen Techniken und Leistungen dar. In einer experimentellen Installation von großer intuitiver Ausdruckskraft vereinen sich ihre revolutionäre Raumauffassung, die skulpturale, künstlerische Qualität ihrer Arbeiten, ihr Mut zur Abstraktion und ihre Ambitionen als Produktdesignerin.
"Dieses Projekt ist für uns eine tolle Gelegenheit, die Welt des Interior Designs und des Wohnens idealtypisch zu zeigen", spricht Zaha Hadid für sich und ihr Team. "Wobei wir weniger ein "ideales Haus" entworfen als einen Schnappschuss gemacht haben - von unserer Vision und unserem Verständnis von zeitgenössischem Leben, wie es sich in Zukunft darstellen wird."
Sie versteht ihre Installation auch als Ausdruck eines wachsenden Bewusstseins der Menschen von der Bedeutung der Umgebung. Sie werden immer mehr gewahr, wie sie den Raum nicht nur funktional, sondern auch emotional besser nutzen können. Hadid sieht ein Stück Lebensqualität darin begründet, dass der Mensch sich in einer ästhetisch ansprechenden Umgebung "geerdet" fühlen kann.
Verglichen mit der eher offenen Struktur ihres Mitstreiters bewahrt Hadids ideal house die traditionelle Form des Heims als Einheit und schützende Hülle. Davon abgesehen wird hier alles von unten nach oben gekehrt: Das Dach fehlt ganz in der zweistöckigen Konstruktion, Wände und Möbel hingegen scheinen unmittelbar aus dem teilweise unebenen Boden zu wachsen, die Decke ist ein gewölbter Himmel. Innen und außen, oben und unten gehen nahtlos ineinander über.
Zwei Prinzipien kommen im ideal house von Zaha Hadid zusammen: die nahtlose Gestaltung der Oberflächen und die Technik des Aushöhlens. Die von ihr in den letzten Jahren realisierten Gebäude und Interiors lassen das ästhetische Ideal einer nahtlosen, fluiden Umgebung deutlich erkennen. Doch auch wenn viele ihrer Architekturen im Inneren etwas Höhlenartiges haben, hat sie ihre Vorstellungen einer Raumbildung durch Aushöhlung nirgends so verwirklicht wie bei dem ideal house cologne 2007. Zusammengenommen ergänzen sich diese Gestaltungsprinzipien und führen zu transparenten, lichten Strukturen und Räumen.
Der Ausgangspunkt des ideal house, der vorgegebene Kubus, wurde von Hadid als massiver Körper angegangen. Im Entwurf wurde dieser ausgehöhlt und gemorpht, bis eine reizvolle Abfolge von Räumen entstand, die ineinander übergehen und sich nach außen weit öffnen. "Es wurde mit einer Reihe von Techniken experimentiert", schildert die Architektin den Entwurfsprozess. "Zunächst haben wir die äußere Form stark manipuliert, sind dann aber wieder zu der präzisen kubischen Außenform zurückgekehrt. Die Gestaltung konzentrierte sich dann auf die inneren Windungen und die Komplexität der Höhlungen."
Diese völlig neu erfundenen Räume zu betreten dürfte für die Besucher ein interessantes Erlebnis werden, das die gewohnte Sehweise auf die denkbaren Formen des Wohnens sprengt. Dazu tragen auch die hochglänzenden Oberflächen von den Bauteilen und den von Hadid - zum Teil neu - entworfenen Möbeln bei. Die Spiegelungen und Lichtreflexe steigern noch den Eindruck eines flüssigen Raums. In dieser Umgebung wird die Funktion ihrer Möbel als Raum strukturierende Elemente wortwörtlich greifbar.
Die Wirkung einer nahtlosen, dreidimensionalen Gestaltung eines Innenraums samt Möblierung und Bad konnte Hadid zuletzt bei der Innenraumgestaltung der 1. Etage von Jean Nouvels Hotels Puerta America in Madrid demonstrieren. Bei dem ideal house cologne war es ihre Ambition, dieses Prinzip erstmals über zwei Ebenen zu realisieren. "Wir können hier auf dem aufbauen, was wir bisher erreicht haben, und fügen eine weitere räumliche Qualität hinzu. Wir spielen hier mit Volumen, um den notwendigen nächsten Schritt zu tun."
Tatsächlich gelangt der Besucher über einen höhlenartigen Treppenaufgang auf ein Emporengeschoss, das den Blick ins Erdgeschoss freigibt und das mit einem übergroßen Bett als Sitzgelegenheit ausgestattet wird, das auf der imm cologne erstmalig gezeigt werden soll.
Eine Novität ist auch der Maßstab, in dem die Bauteile im Fräseverfahren realisiert werden. Aus diesem Grund schätzt Zaha Hadid das Projekt ideal house cologne besonders: "Die schnelle Realisation dieser temporären Architektur bietet uns die Chance, zusammen mit den Ingenieuren neue Technologien in ihrer Anwendbarkeit auf einen großen Maßstab und frei tragende Strukturen auszutesten - mit der Absicht, später einmal wirklich große architektonische Konstruktionen in neuen Materialien realisieren zu können. Denn damit könnte das Gestaltungsprinzip des Aushöhlens viel weiter getrieben werden."
Der Designer rückt die Möbel von der Wand
In dem ideal house von Naoto Fukasawa scheint alles am richtigen Platz zu sein: Die Wände sind gerade, und die Freiräume sind mit frei gestellten Möbeln in fast schon klassischer Form gestaltet. Dennoch wirkt der Raumentwurf seltsam befremdlich. Alles scheint bewusst platziert - ein Statement zum Wohnen der Zukunft, das den Raum leerer erscheinen lässt als gewohnt. Die Wände - in der Höhe überdimensioniert und körperlich ausgesprochen präsent - bleiben unverstellte Freiflächen, die auch als Projektionsflächen dienen könnten.
Projektionsflächen für was? Der japanische Designer ist ein Meister der Assoziation, der Irritation und der Andeutung. Er sucht Produkte Gestalt annehmen zu lassen, die als Bild bereits im Kopf der Menschen vorhanden sind, ohne in der physischen Realität oder in dieser Form existiert zu haben. Dafür beobachtet er genau, wie die Menschen die Dinge ihrer Umgebung ihren Bedürfnissen entsprechend nutzen, und gestaltet Produkte, die ein klares Interaktionsangebot enthalten.
Für das ideal house cologne erstellt er deshalb weniger eine "ideale" Umgebung für ein künftiges Lebensgefühl als eine räumliche Situation, die das Gefühl für die Veränderung wecken soll, die um uns herum stattfindet.
Seine Vision für die Zukunft resultiert aus der Analyse dieses gegenwärtigen Prozesses, in dem viele Dinge unseres täglichen Lebens verschwinden oder ihre Form und körperliche Präsenz verlieren. Die Gegenstände, mit denen wir uns zuhause zu umgeben gewohnt sind, werden nach und nach entweder in die Wand integriert oder direkt am Körper getragen, etwa, indem sie in die Kleidung integriert werden. Telefon und Musikträger tragen wir bei uns, Ausstattungen wie Licht, Klimageräte oder Fernseher werden in die Wand integriert. Die Wand wird dadurch weit mehr Funktionen aufnehmen, als ´nur´ Räume zu definieren. Im Gegenzug wird der Raum um uns leerer werden. Während sich die Objekte stark verändern, wird das Haus nach Meinung von Fukasawa nur einem langsamen Wandel unterworfen sein.
"Von den Objekten unseres Heims werden die Möbel länger präsent bleiben als die technischen Geräte, weil sie schon so lange Teil unserer Umgebung sind und sich immer im Raum zwischen Mensch und Wand befanden", kommentiert Naoto Fukasawa sein Konzept. Mit solchen Möbeln, die wir für unsere Bequemlichkeit und aufgrund ihres emotionalen Wertes benötigen, will er den leeren Raum seines ideal house gestalten.
Die besondere Erfahrung räumlicher Veränderung durch den Wegfall vieler vertrauter Formen soll dem Besucher durch die schiere Größe von Fukasawas ideal house vermittelt werden. Die von ihm in ungewöhnlicher Höhe geplanten Wände bleiben ohne Bedachung und öffnen den Blick bis zur Hallendecke. Durch die Kombination mit normal dimensionierten Möbeln wird ein besonders starker Kontrast erzielt und ein Gefühl geweckt, das sich höchstens mit dem Betreten einer hohen Kathedrale durch die vergleichsweise niedrigen Portale vergleichen ließe.
Eine spektakuläre Vision gegen die Poesie des Gewöhnlichen
Beide ideal house Projekte des Jahres 2007 werfen ein Licht in die Zukunft. Zaha Hadid entwirft eine Umgebung, für die es noch keine Erfahrungswerte gibt. Ihr ideal house entfesselt eine starke visionäre Kraft. Naoto Fukasawa hingegen versteht sich weniger als Visionär. Er sieht seine Aufgabe weniger darin, der Zeit voraus zu sein - vielmehr sucht er den Menschen in ihren Wünschen zu folgen und die Essenz ihrer Erfahrungen in betont einfachen Produkten festzuhalten, die auch in einem veränderten Umfeld weiterhin ihre Funktion behalten können. Die Architektin artikuliert das Spektakuläre, das die Zukunft vielleicht für uns bereithält, während der Designer das Gewöhnliche aufgreift, um es zu etwas Besonderem zu machen.
Bei diesem hochkarätigen Format - das eine ein sinnliches Feuerwerk, das andere eine ruhebetonte poetische Studie - werden die beiden ideal house Kuben sicherlich zu einem besonderen Highlight für die Besucher der imm cologne 2007 werden.


