Nicht nur überzeugen, sondern auch "verführen"

Nicht nur überzeugen, sondern auch "verführen"
Wettbewerb und Ausstellung auf der Handwerks-Messe NRW zeigten "meisterhaftes" Design

Am Bedürfnis der Menschen, sich mit schönen Einrichtungsgegenständen zu umgeben, kann das Tischlerhandwerk mehr als bisher partizipieren. Davon zeigte Ministerialdirigent Reinhard Thomalla vom nordrhein-westfälischen Wirtschaftsministerium anlässlich der Preisverleihung im landesweiten Gestaltungswettbewerb "die gute form - Tischler gestalten ihr Meisterstück" am 21. Juni vor rund 400 Gästen in Köln überzeugt."Die Produkte in massivem Holz strahlen Qualität und Einmaligkeit aus; zudem ist es gerade dem Handwerk möglich, die immer differenzierteren Kundenwünsche zu erfüllen." Verbesserungswürdig sei aber gelegentlich die Präsentation, die "Inszenierung" handwerklicher Arbeit. Die Kunden von heute kauften nicht einfach Schränke, Stühle und Tische, sondern zugleich einen Lebensstil oder sogar Identität: "Wohnen ist die Art und Weise, wie wir Menschen sind", zitierte er den Philosophen Martin Heidegger. Auf solche Bedürfnisse müsse sich das Tischlerhandwerk noch besser einstellen. Es müsse seine Kunden nicht nur überzeugen, sondern auch "verführen". "Und bei der Verführung ist Understatement, meist fehl am Platz. Wer sein Licht unter den Scheffel stellt, überlässt das Feld den Konkurrenten. Das gilt in der Liebe ebenso wie im Geschäft."
Keinen Grund zur Bescheidenheit bescheinigte Thomalla dem vom Fachverband Holz und Kunststoff NRW ausgerichteten Wettbewerb und der Ausstellung: er sei das "Herzstück der Handwerks-Messe NRW". Hier zeige sich nordrhein-westfälisches Handwerk "in seiner ganzen Perfektion und Ästhetik", befand er für den Schirmherrn des Wettbewerbs, Wirtschaftsminister Ernst Schwanhold.

Kein Widerspruch
Dem mochte der Vorsitzende des Fachverbandes, Alfred Jacobi, nicht widersprechen. Die 43 zur Endausscheidung in Köln zugelassen Unikate gäben ein "hervorragendes Beispiel für den Ideenreichtum und das handwerkliche Können, mit denen der Tischler den Wunsch nach der persönlichen Note in den eigenen vier Wänden verwirklicht". Am wertvollsten und publikumswirksamsten Gestaltungswettbewerb des NRW-Tischlerhandwerks waren rund 700 Prüfungsabsolventen teilnahmeberechtigt, die im Zeitraum zwischen 1.4.1999 und 31.3.2000 ihre Meisterprüfung bestanden hatten.
Mit dem Wettbewerb solle ein wesentlicher Beitrag geleistet werden, so Jacobi, die jungen Tischlermeister und Tischlermeisterinnen noch stärker als bisher "für zeitgemäße Formgebung und Gestaltung zu sensibilisieren" und mit der gleichzeitig durchgeführten Ausstellung die "hohe gestalterische Qualität unseres Handwerks" zu dokumentieren. Beide Ziele seien auch in diesem Jahr wieder in hohem Maße erreicht worden.
Glanzlichter der Ausstellung sind die prämierten Arbeiten von sechs Tischlermeistern, die sich bei der Preisvergabe, nach den Bewertungskriterien Idee, Formgebung, Funktion und handwerksgerechte Ausführung, durchsetzten.

Wertvolle Preise
Raimund Stehmann aus Beckum wurde erster Preisträger des Wettbewerbs und erhielt für seine Esszimmer-Anrichte aus Ahorn ein Preisgeld in Höhe von 12.000 DM. Der 29-jährige Tischlermeister fand von der Jury großes Lob und Anerkennung. Sie bescheinigte seinem Meisterstück, dass es durch eine "konsequente Geometrie" besteche. Selbst die Seitenflächen und die Rückseite seien auf quadratischer Basis gegliedert. Das Möbel kann daher frei im Raum stehend Verwendung finden. Alle Details bis hin zu den eigens entwickelten Beschlägen fügten sich in dieses Bild ein. Die Materialien Ahorn, Edelstahl und Granit seien nach Ansicht der Juroren gut aufeinander abgestimmt. Stehmann hatte seine Meisterprüfung parallel zur fachlich angesehenen Ausbildung als staatlich geprüfter Techniker, Fachrichtung Holz, abgelegt.
Mit dem 2. Preis und 10.000 DM belohnt wurde Frank Bremer (32) aus Bremen. Er hatte zur Meisterprüfung in Dortmund ein Sideboard aus Rüster-Vollholz gefertigt, dem die Gestaltungsfachleute jetzt ein "klar ablesbares Konzept" bei der Zusammenfügung der verschiedenen Bauteile bestätigten. Die horizontale Gliederung der Korpusse und eine ausladende Platte würden dem Stück eine "gewisse Leichtigkeit und Eleganz" verleihen.
Den mit 8.000 DM dotierten 3. Preis teilten die sechs Mitglieder des Preiskomitees. Er ging zum einen an den Kölner Tischlermeister Ralf Müngersdorf (29). Seine Arbeit, ein Barschrank aus Ahorn und Kirsche, fand vor allem Anerkennung wegen seines einleuchtenden gestalterischen Entwurfs. Innen- und Außenkorpusse bilden reizvolle Kontraste in Form und Farbe, eine durchgehende Edelstahl-Griffleiste setzt einen besonderen Akzent. Die andere Hälfte des 3. Preis erhielt Ulrich Lünnemann (28) aus Steinfurt für einen Tisch aus Buche mit einer Auflage aus Linoleum. Das Möbel lässt sich durch seine Form nicht funktional festlegen, es kann sowohl als Präsentationstisch wie auch als Schreibtisch genutzt werden. Diese bewusste Entscheidung des Erbauers fand ebenso Lob wie die gelungene Platten- und Gestellform. Die beiden Auszeichnung sind zusätzlich ausgestattet mit einem überaus nützlichen Fachliteratur-Paket des WEKA Baufachverlags im Wert von 1.000 DM.
Außerdem vergab die Jury zwei Belobigungen, ebenfalls jeweils mit einem WEKA-Fachliteratur-Paket dotiert. Franz Heitkamp (31) aus Münster für eine Wohnzimmer-Anrichte in Birne und Nussbaum fand mit seiner gestalterischen Leistung ebenso Anerkennung wie Irfan Uyaner (34) aus Düsseldorf für einen Sekretär in Kirsche.

Messebesucher kürten eigenen Favoriten
Zu Gewinnern wurden auch einige Besucher der Handwerks-Messe. Sie hatten Gelegenheit, an allen Messetagen ihren persönlichen Favoriten unter den Wettbewerbsarbeiten zu wählen. Als Lohn für die Teilnahme bei der Wahl des Publikumspreises winkten interessante und wertvolle Preise (hochwertige Foto- und HiFi-Geräte). Publikumsliebling wurde eine Dessousschrank, vorgestellt von Ute Ornowski (27) aus Dorsten. Der junge Tischlermeisterin kann sich jetzt auf eine dreitägige Reise nach Österreich freuen. Der Stifter, die Firma Egger Spanplattenindustrie aus Brilon, lädt ein zu einem Erlebniswochenende im weltbekannten Hotel Stanglwirt in Going am Wilden Kaiser (Tirol).

Bildunterschriften:
[1] Wünscht sich mehr "Inszenierung" handwerklicher Arbeit und weniger Understatement: Ministerialdirigent Reinhard Thomalla, Ministerium für Wirtschaft und Mittelstand, Verkehr und Technologie des Landes Nordrhein-Westfalen.
[2] Mit dem ersten Preisträger Raimund Stehmann (Mitte) freuten sich Ministerialdirigent Reinhard Thomalla (l.) und der Vorsitzende des Fachverbandes Holz und Kunststoff NRW, Alfred Jacobi (r.).