Qualifizierung schafft Wettbewerbsvorteile

Qualifizierung schafft Wettbewerbsvorteile
Pilotprojekt zum Personalmanagement soll Schwachstellen beheben

„Den wirtschaftlichen Erfolg eines Betriebes sichern nicht nur die harten Daten wie Technik und Produkt, sondern zunehmend die ‚weichen Faktoren’ wie Arbeitsklima, Innovationsklima und auch Führungsverhalten der Betriebsinhaber und angestellten Meister.“ Doch genau an dieser Stelle sieht Management-Beraterin Ortrun Irene Martini noch immer gravierende Mängel. Geahnt hatten das Obermeister Jürgen Hegering und sein Stellvertreter Ulrich Müther auch, doch erst im Rahmen eines Pilotprojekts, das die beiden in ihrer Tischler-Innung in Recklinghausen angestoßen haben, wurden die Probleme offenbar.Die Idee, sich mit dem „Qualifizierungsbedarf für Fach- und Führungskräfte im Tischlerhandwerk“ – so der offizielle Titel des Projekts – zu beschäftigen, war den Tischlermeistern gekommen, weil sie zunehmend das Gefühl hatten, im nahezu unendlichen Weiterbildungsangebot unterschiedlichster Anbieter die Orientierung zu verlieren. „Für jede Lebenslage eines Tischlers wird einem mittlerweile etwas geboten“, hat Hegering festgestellt. „Doch was der Betrieb tatsächlich benötigt, um wettbewerbsfähig zu bleiben, das ist unklarer denn je zuvor.“ Da sie in Gesprächen bei vielen Kollegen die gleiche Unsicherheit entdeckten, wollten sie dem Problem von Grund auf begegnen. Sie holten den Fachverband Holz und Kunststoff NRW, die Handwerkskammer Münster, die Kreishandwerkerschaft, die Fachhochschule Gelsenkirchen, das Technologie-Zentrum Holzwirtschaft (TZH) und die freie Beraterin Frau Martini aus Ludwigsburg an einen Tisch – und sehr bald war das aus Landesmitteln geförderte Projekt geboren.

Bedarfsorientiert und systematisch
Im ersten Schritt wurden unter der Leitung von Dipl.-Holzwirt Jochen Möller (TZH) in einigen interessierten Tischlerbetrieben intensive Befragungen mit Unternehmer, Führungskräften, Gesellen, Lehrlingen und kaufmännischen Mitarbeitern durchgeführt. Getrennt gaben sie Auskunft zu den Bereichen Information, Kommunikation, Arbeitsorganisation, Entlohnungsmodelle, Motivation, Betriebsausstattung und zukünftige Trends. „Dabei sind zum Teil gravierende Differenzen zwischen den Einschätzungen von Betriebsinhaber und Mitarbeitern zu Tage getreten“, berichtet Jochen Möller nach Auswertung der eigens hierfür entwickelten Fragebögen. Aus diesen Unterschieden haben das Technologie-Zentrum Holzwirtschaft und die Unternehmensberatung von Frau Martini dann den innerbetrieblichen Qualifizierungsbedarf abgeleitet.
Aber nicht nur das. Sie haben vielmehr ein vollständiges Weiterbildungs- und Schulungsprogramm entwickelt. „Zukunftsorientierte Qualifizierung muss nämlich“, so Frau Martini, „bedarfsorientiert, aufeinander abgestimmt und mit dem Ziel, den Ertrag des Betriebes langfristig zu erhöhen, erfolgen.“ Oft werde der Fehler gemacht, unsystematisch und nach dem „Puzzle-Prinzip“ zu lernen, was man will – nach Möllers und Martinis Erfahrungen eher typisch für das Tischlerhandwerk. Ulrich Müther sieht sich bestätigt: „Angesichts der aufgedeckten Defizite in unseren Betrieben, die wir so alle nicht erwartet hätten, ist dieses Projekt gerade zum rechten Zeitpunkt gekommen. Es bietet jetzt ein integriertes Arbeitsprogramm und weist den Weg hin zu einer neuen Lernkultur.“

Arbeit besser organisieren
Woran zu arbeiten ist, das machen Möller und Martini in ihrer Analyse sehr deutlich. „Bei der Arbeitsorganisation hapert es zum Beispiel ganz erheblich“, hebt Jochen Möller hervor. Die Mitarbeiter beklagten häufig Leerlaufzeiten durch fehlendes Material, fehlende Regelungen bei den Zuständigkeiten, unnötige Mehrarbeit durch mangelnde Zeit- und Terminplanung sowie fehlende Mitarbeiterbesprechungen. Dadurch werde nicht nur Unzufriedenheit erzeugt, sondern auch viel Produktivität verschenkt. Dabei besteht unter den Beschäftigten zugleich eine hohe Bereitschaft zur Eigeninitiative, etwa in Form von Gruppenarbeit mit Verantwortung für einen Gesamtauftrag.
Dies setzt Veränderungen in der Betriebsstruktur voraus, die nach Möllers Ansicht relativ leicht umzusetzen sind. „Aber noch viel wichtiger ist, die Mitarbeiter entsprechend zu qualifizieren, etwa im Bereich der Fertigungsplanung oder der EDV.“ Gerade an dieser Stelle wie auch bei der Schulung in der CNC-Technologie hat er zudem ein großes Weiterbildungsinteresse der Beschäftigten festgestellt.

Die „sozialen Faktoren“ nicht vergessen
Aber das ist nur die eine Seite der Medaille. Management-Beraterin Martini erinnert an die „sozialen Faktoren“, die in den untersuchten Tischlerbetrieben bisher ebenfalls zu kurz gekommen sind. Ihr sind vor allem Schwächen bei der Kundenorientierung aufgefallen. Kundenanfragen werden nicht innerhalb einer bestimmten Frist bearbeitet, Angebote nicht weiterverfolgt, Reklamationen nicht unverzüglich bearbeitet, die Kundenzufriedenheit nicht abgefragt: die Liste ließe sich noch verlängern. „Es fehlt an der Systematik“, fasst Frau Martini zusammen. „Wenn man bedenkt, wie viel Aufwand und Kosten es verursacht, für einen verlorenen Kunden einen neuen zu gewinnen, wird das Entwicklungspotenzial deutlich“, meint Ulrich Müther dazu.
Den Finger in eine andere offene Wunde bohrt Ortrun Irene Martini, wenn sie Schwächen bei der Mitarbeitermotivation auf den Punkt bringt: „Die Anerkennung fehlt“. Unzureichende Informationen über betriebsinterne Vorgänge oder anstehende Entscheidungen, ungenaue Absprachen oder auch zuwenig konstruktive Kritik beeinflussten die Motivation negativ. Neben diesen inneren Faktoren leide die Einstellung häufig aber auch unter externen Umständen. Dazu zählen die Entlohnung, die Arbeitszeiten, die Arbeitsmittel – und die Arbeitsorganisation, womit Frau Martini die Brücke schlägt zu den Schwachstellen, die Jochen Möller bereits angesprochen hat.

Maßgeschneidertes Qualifizierungsprogramm
Aus diesen Erkenntnissen haben die Unternehmensberaterin und das Technologie-Zentrum Holzwirtschaft jetzt ein umfassendes Programm vorgelegt, das mit „maßgeschneiderten“ Weiterbildungsangeboten den Projektbetrieben helfen soll, die Defizite zu beheben. In verschiedenen Stufen werden in diesem und im nächsten Jahr betriebsübergreifende wie auch betriebsinterne Qualifizierungsmaßnahmen durchgeführt. Die Themen reichen von „Kommunikation und Zusammenarbeit für Fach- und Führungskräfte“ über „Kundenorientiertes Verhalten“, „Betriebsinterne Besprechungen effizient gestalten“, „Betriebswirtschaft für Techniker“ bis hin zu Schulungen zum Fertigungsplaner bzw. zur CNC-Fachkraft.
Mit besonderer Aufmerksamkeit verfolgt der HKH-Fachverband NRW den weiteren Fortgang des Projekts. Als Projektträger setzt er darauf, die vielversprechenden Ergebnisse landesweit zu multiplizieren. „Im Tischlerhandwerk fehlt bisher noch ein derartig umfassender Ansatz, das äußerst wichtige Instrument ‚Personalmanagement’ für die Betriebe zu erschließen“, betont der Verbandsvorsitzende Alfred Jacobi. Es sei daher geplant, Projekte mit gleicher Zielsetzung in weiteren Regionen Nordrhein-Westfalens zu initiieren.

Bildunterschriften:
[1] Obermeister Jürgen Hegering (l.) und sein Stellvertreter Ulrich Müther wollen betriebliche Schwachstellen im Personalmanagement beheben. Das dazu von ihnen angestoßene Projekt hat Pilotcharakter im deutschen Tischlerhandwerk.
[2] Management-Beraterin Martini: „Zukunftsorientierte Qualifizierung muss bedarfsorientiert, aufeinander abgestimmt und mit dem Ziel, den Ertrag des Betriebes langfristig zu erhöhen, erfolgen.“
[3] Hat erhebliche Schwächen beim Personalmanagement im Tischlerhandwerk aufgedeckt: Jochen Möller vom Technologie-Zentrum Holzwirtschaft