Ziegel-Großformate - auch im Denkmalschutz gefragt

Ziegel-Großformate - auch im Denkmalschutz gefragt

Wirtschaftliche Vorteile bei Verlegezeit und Materialeinsatz

Schön und kostengünstig: Das Ziegeldach der rund 700 Jahre alten St. Andreaskirche in Alswede (Westfalen) wurde jetzt mit Nibra Großflächen-Hohlfalzziegeln neu eingedeckt. Ausschlaggebend für die Wahl dieses Eindeckungsmaterials waren wirtschaftliche Vorteile: Nur rund zehn Ziegel pro Quadratmeter Dachfläche führen zu vergleichsweise geringen Material- und Verlegekosten. Mit dem Segen des Denkmalschutz-Amtes: "Die größeren Ziegel beeinträchtigen das historische Erscheinungsbild der Kirche nicht." Kein Wunder - das Dach befindet sich rund 40 Meter über dem Kirchplatz. Denkmalpflegerische Aspekte mit wirtschaftlichen Gesichtspunkten unter einen Hut zu bringen verlangt fast zwangsläufig nach Kompromissen. Die Neueindeckung der St. Andreaskirche in Alswede belegt, dass nicht immer alle Details dem historischen Dach entsprechen müssen, um die Ansprüche an eine denkmalgerechte Sanierung zu erfüllen.

Die St. Andreaskirche wird urkundlich schon im Jahr 1240 erwähnt. Im unteren Bereich des Westturmes befindet sich noch Bausubstanz aus dem 13/14. Jahrhundert. Der obere Turmbereich stammt aus dem Jahr 1868. Das Kirchenschiff ist im Kern eine zweischiffige spätgotische Halle aus dem 16. Jahrhundert. Seit der Erweiterung um ein nördliches Seitenschiff und dem Choranbau im Jahre 1893 präsentiert sie sich als dreischiffige Halle.

Rissbildung im Gewölbe

Anlass für die Dachsanierung waren weniger die schadhaften Dachziegel, sondern die schon seit längerem erforderliche Korrektur der Dachstatik. Das Gutachten des Ingenieurbüro Rüter (Minden) stellte erkennbare, wenn auch noch nicht die Statik gefährdende Rissbildung in den massiven Gewölben fest.

Die alte Tragkonstruktion im Bereich der inneren Dachsäulen trug die Lasten aus dem Dach direkt auf das Gewölbe ab. Dieses bestätigten sowohl das Bild vor Ort, als auch die historischen Konstruktionszeichnungen. Bewegungen in der Dachkonstruktion führten aufgrund der ungünstigen Tragwerkskonzeption im Laufe der Zeit vermehrt zu Rissen im Gewölbe.

Heutigen statischen Sicherheitsbestimmungen genügte die alte Tragwerkskonzeption nicht mehr. Das neue statische Konzept berücksichtigte die vorhandenen Tragkonstruktionen, befreite das Gewölbe gleichzeitig von seiner tragenden Funktion. Dabei wurde das Bindergespärre durch Anordnung von zusätzlichen Streben als Teilsprengwerk ausgebildet (s. Zeichnung). Die eingezogenen Sprengwerksstreben bilden eine freitragende Dachkonstruktion, die Lasten aus dem Dach nur noch über die Außen- und Innenpfeiler abträgt.

Alte Deckung war "nicht denkmalswert"

Die alte Ziegeldeckung des kombinierten Satteldaches wies nicht nur Schäden auf, sondern wirkte durch unterschiedliche Ziegelmodelle sehr uneinheitlich. Doppelmuldenfalz-Ziegel wechselten sich mit Reformpfannen ab und der größte Teil der Hauptdachfläche bestand aus einer schwarz- und anthrazitfarbenen Hohl- bzw. Hohlfalzziegeleindeckung jüngeren Datums.

Der Bauherr, die Kirchengemeinde Alswede, entschied sich in Abstimmung mit Denkmalschutz und Ingenieurbüro für die Neueindeckung mit einem naturroten, tiefgewölbten Hohlfalzziegel. Bei der Auswahl aus 16 verschiedenen Fabrikaten war neben hoher Materialgüte und einem historisch ähnlichen Aussehen der Kostenfaktor entscheidend.

Der Großflächen-Hohlfalzziegel "Nibra H 10" überzeugte den Denkmalschutz durch seine Kleinteiligkeit in der Fläche und den Bauherrn durch die Wirtschaftlichkeit. "So konnte angesichts einer Decklänge von 38,2 Zentimetern die Einlattung in größeren Abständen erfolgen als bei normalformatigen Hohlfalzziegeln", erläutert Paul Rüter.

Verlegung wie bei Normalformaten

Die Dacheindeckung war angesichts der simplen Dachkonstruktion kein Problem. Da der Ziegel trotz seines größeren Formates handlich bleibt, unterschied sich die Eindeckung des Kirchendaches nicht von Eindeckarbeiten mit Ziegeln in Standardformat. Zuschneide-Arbeiten fielen kaum an. Das umfangreiche Zubehörprogramm erleichterte der Dachdeckerei Hunger durch abgestimmte Sonderziegel die Eindeckung von First, Grat, Firstanschlüssen und Traufen.

Wirtschaftliche Aspekte bestimmten auch die Ausführung der optisch prägenden Dachdetails. So wurde aus Kostengründen statt der von dem Denkmalschutz gewünschten gemörtelten Firstausführung ein Trockenfirst verlegt.

Harmonisch eingebettet ins Ortsbild

In nur zwei Monaten wurden 1.300 Quadratmeter Dachfläche neu eingedeckt. Inklusive Blitzschutz- und Klempnerarbeiten, beliefen sich die Sanierungskosten auf rund 125.000 Euro.

Ein Aufwand, der sich lohnte: Das neue Dach wertet das Erscheinungsbild der Kirche und damit das Zentrum von Alswede auf. Die naturroten Dachflächen fügen sich im Gegensatz zur früheren schwarz-anthrazitfarbenen Eindeckung harmonisch in die ebenfalls mit naturroten Ziegeln gedeckten Nachbardächer ein. Selbst Fachleuten fällt bei der Betrachtung des Kirchendaches nicht auf, dass es sich bei dem verlegten Ziegel um ein größeres Format handelt.

Bautafel:
Bauherr: Kirchengemeinde Alswede
Planung, Statik und Bauleitung: Rüter Ingenieurleistungen Bauwesen GmbH &Co Objektmanagement, Minden
Obere Denkmalbehörde: Westfälisches Amt für Denkmalpflege des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe, Münster
Untere Denkmalbehörde: Denkmalamt der Stadt Lübbecke
Dachdeckerarbeiten: Dachdeckerei Hunger, Minden
Dachfläche: 1.300 Quadratmeter
Sanierungskosten: rd. 125.000 Euro
Dacheindeckung: Nibra Hohlfalz-Flächenziegel H 10
Technische Beratung: Karl-Heinz Hemeier, Dachziegelwerke Nelskamp GmbH

Kasten: Pro und Contra Großflächenziegel

Pro

Argumente für den Einsatz von Großflächen-Tondachziegeln sind: - Wirtschaftlichkeit (weniger Dachlatten und -ziegel sowie kurze Verlegezeiten)

- Größere Schnittstücke bei Detail-Arbeiten an "Kehle und Grat" sind besser zu verarbeiten als bei Kleinformaten.

- geringe Kosten bei Sanierung und Neubau

- hohe Biegetragfähigkeit (in der Regel 250 Prozent höher als die geforderten 1.200 N).

Contra:

- Das Eindecken eines Daches mit keramischem Material verlangt eine höhere Sorgfalt in der Verarbeitung beim Dachdecker. Dieses sollte bei der Kalkulation pro Quadratmeter berücksichtigt werden.

Praxis-Tipp:

Ein relativ schwerer Ziegel wird auf dem Dach anders gehändelt als ein kleinformatiges Produkt. Daher sollten sich die Verarbeiter beim Anreichen und Eindecken abwechseln.

Das neue Dach wertet das Erscheinungsbild der Kirche auf.